Ihr habt uns den Glauben an den Fußball gestohlen

Man hat uns die schönste Nebensache der Welt gestohlen.

Nicht durch eine Niederlage.

Nicht durch einen verschossenen Elfmeter.

Nicht einmal durch eine falsche Schiedsrichterentscheidung.

Sondern durch den Verlust des Vertrauens.

War die Rote Karte gegen den Schweizer Breel Embolo wirklich berechtigt? Oder musste Argentinien unbedingt im Turnier bleiben, weil ein Wettbewerb mit Lionel Messi wirtschaftlich nun einmal ein bisschen hübscher aussieht als einer mit der Schweiz? Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Zuschauer. Mehr Geld. Mehr Spektakel.

Wurde Ägypten tatsächlich um den Sieg gegen Argentinien gebracht? Oder waren es einfach nur jene unglücklichen Entscheidungen, über die Fußballfans seit Jahrzehnten streiten? Die ägyptische Mannschaft und ihr Verband fühlten sich jedenfalls massiv benachteiligt. Früher hätten wir darüber diskutiert. Laut, emotional und vielleicht tagelang – aber am Ende hätten wir es als Teil des Spiels akzeptiert.

Und hat der Ball vor dem englischen Ausgleich gegen Norwegen nun das Kamerakabel berührt oder nicht? Die Fernsehbilder ließen Zweifel aufkommen. Die FIFA erklärte anschließend, die Sensordaten des Balles hätten keinen Kontakt angezeigt. Auch das wäre früher eine herrliche Fußballkontroverse gewesen. Stammtischstoff. Zeitlupenfutter. Eine Szene, bei der jeder die Wahrheit selbstverständlich aus seinem bevorzugten Kamerawinkel erkannt hätte.

Heute bleibt etwas anderes zurück.

Ein Beigeschmack.

Denn seit ein amerikanischer Präsident offenbar nur zum Telefon greifen muss, um beim FIFA-Präsidenten die Sperre eines US-Spielers überprüfen zu lassen, ist die Grenze überschritten. Donald Trump erklärte eine Schiedsrichterentscheidung kurzerhand zur Verhandlungssache. Als wäre eine Rote Karte ein Zolltarif, ein Grundstücksgeschäft oder irgendein Deal, den der große Dealmaker persönlich neu aushandeln könnte. Und die FIFA? Sie setzte die Sperre tatsächlich aus.

Wie praktisch.

Demnächst also nicht mehr: Tatsachenentscheidung.

Sondern: „Der Präsident ist mit dieser Entscheidung nicht zufrieden. Bitte überprüfen Sie das noch einmal.“

Vielleicht brauchen wir bald keinen Videoassistenten mehr, sondern ein rotes Telefon direkt aus dem Weißen Haus in den Kölner Keller. Drücken Sie die Eins für Abseits. Die Zwei für Handspiel. Die Drei, wenn der Gastgeber dringend einen wichtigen Spieler benötigt.

Trump versteht vom Fußball offenbar wenig, aber das hat ihn noch nie davon abgehalten, sich für den wichtigsten Mann im Raum zu halten. Für ihn ist alles ein Geschäft. Alles ist verhandelbar. Regeln gelten so lange, bis sie den eigenen Interessen im Weg stehen.

Und Gianni Infantino?

Der steht nicht mehr nur neben der Macht. Er scheint sich geradezu an sie anzuschmiegen. So tief, dass man manchmal den Eindruck bekommt, er könnte Trump beim Sprechen bereits aus dem Mund schauen.

Das ist vielleicht zynisch.

Aber noch zynischer ist es, den Fußball ständig als große Kraft der Völkerverständigung zu verkaufen und ihn gleichzeitig zum persönlichen Spielzeug zweier Männer zu machen, deren Ego offenbar größer ist als jedes Stadion dieser Welt.

Trump und Infantino haben nicht bewiesen, dass Spiele manipuliert wurden.

Sie haben etwas viel Grundsätzlicheres angerichtet: Sie haben dafür gesorgt, dass wir es plötzlich für möglich halten.

Dass wir bei jeder Roten Karte rechnen.

Bei jedem VAR-Eingriff nach wirtschaftlichen Interessen fragen.

Bei jedem überraschenden Ergebnis überlegen, wem es nützt.

Und bei jeder Entscheidung nicht mehr nur den Schiedsrichter sehen, sondern Politiker, Funktionäre, Sponsoren und Fernsehmilliarden im Hintergrund vermuten.

Genau das ist der Schaden.

Fußball lebt nicht davon, dass jede Entscheidung richtig ist. Fußball lebt davon, dass wir daran glauben können, dass sie unabhängig getroffen wurde.

Diesen Glauben habt ihr beschädigt.

Danke, Donald.

Danke, Gianni.

Für den vielleicht schlimmsten Bärendienst, den man dem Weltfußball erweisen konnte.

Ihr wolltet euch selbst inszenieren.

Und habt dabei die schönste Nebensache der Welt in eine weitere hässliche Hauptsache verwandelt.

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